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Der Spiegel 45/2004 - Eisenbahn durch die
Hölle
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Bin deutscher Unternehmer will mehr als 4000 Kilometer Bahnlinie durch
den südlichen Sudan
bauen. Es wäre das größte derartige Projekt der Welt - in einem
verwüsteten Land. Es geht um Gold, Öl und einen neuen Staat ,,made in
Germany". Von Cordula Meyer |
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Geh hoch rein, nicht niedrig", ruft Costello Garang Ring, Königssohn aus
dem Sudan, dem Piloten zu. Der reckt den Daumen in die Hohe und nickt.
Die zehnsitzige Cessna sackt steil der Buschpiste entgegen. Seit die
Rebellen vor drei Jahren die Stadt Kapoeta ganz im Südosten des Sudan
erobert haben, wird theoretisch nicht mehr geschossen, aber ganz sicher
ist sich Garang Ring da nicht. Die Maschine holpert auf die
Menschenmenge am Ende der Landebahn zu. Garang Ring steigt aus und
hinter ihm sein Freund Klaus Thormahlen, ein Mann aus Bad Oldesloe in
Schleswig-Holstein. Nachmittagshitze schlägt ihnen entgegen, Trommeln
aus Rinderhaut dröhnen, ein Chor nackter Kinder singt, dirigiert von
einer Frau im grünen Kleid. Ein Mädchen überreicht Thormahlen statt
Blumenstrauß eine Blechdose, das Etikett ,,Del Monte Frucht cocktail“
klebt noch daran. In der Dose sind Gräser und ein paar stachelige rote
Beeren. Das Kind lächelt verlegen. Dann bewegt sich der Tross die
Hauptstraße entlang, durch eine Bürgerkriegslandschaft: Zerschossene
Armeelaster und Panzer säumen die Piste, zersiebt von
Maschinengewehrgarben ragen Ruinen in den Himmel. Dazwischen Gras,
Büsche, ein paar Kühe und die rote Erde der afrikanischen Steppe. Um
Kapoeta haben sie in 21 Jahren Bürgerkrieg hart gekämpft, die arabische
Regierung in der nördlichen Hauptstadt Khartum und die schwarze
Abtrünnigen-Armee SPLA. Jetzt sollen die Rebellen ihren eigenen
Teilstaat bekommen, den Südsudan. Deshalb sind sie hier: der Königssohn
Ga rang Ring, der lange in Deutschland studiert hat, und der
millionenschwere Eisenbahnunternehmer Thormählen, 53. Sie wollen Kapoeta
zur Keimzelle für ein neues Land machen. Thormählen soll es mit Hilfe
deutscher Großunternehmen bauen. In vier Jahren konnte dann hier, in
Kapoeta, in der hintersten Ecke der Dritten Welt, jeden Tag ein moderner
Zug halten, fahrplanmäßig morgens, Punkt 8.30 Uhr, so haben sich das
Ingenieure im fernen Bad Oldesloe ausgerechnet.
Kapoeta, die Geisterstadt im Nirgendwo des südlichen Sudan ist
Ausgangspunkt fiir eines der gigantischsten Bauprojekte Afrikas: Ein
Zementwerk hier soll die Schwellen liefern für mehr als 4000 Kilometer
Eisenbahnlinie. Sie könnte den Südsudan, das neue Land am Weißen Nil,
mit Uganda und Kenia bis nach Mombasa am Indischen Ozean verbinden.
Erdöl soll die Bahn transportieren, Erze und Teak. Vor allem würde die
Bahn das tun, was die Union Pacific für die USA und den Wilden Westen
tat und die Transsib fiir Russland: weites Land zu einem Staat
zusammenfügen.
Das ist die kühne Idee von Garang Ring und Thormahlen. Und der
zukünftige Wirtschaftsminister des Südsudan hat bereits einen Vorvertrag
über den Bauauftrag unterzeichnet. Der künftige Regierungschef des
Südsudan, Rebellenführer John Garang - nicht verwandt mit Königssohn
Garang Ring -, hat das Projekt zur Chefsache erklärt. Die Bahn soll den
Südsudan erschließen, ihn an Ostafrika anbinden, seine Rohstoffe ans
Weltmeer transportieren. Ihr Bau würde drei Milliarden Euro kosten. Aber
der Sudan hat Öl, sehr viel Öl, und Gold. Und deswegen konnte aus dem
abenteuerlichen Projekt etwas werden.
Der Bürgerkrieg im Südsudan gehörte zu den längsten und blutigsten
Afrikas. Aber nun sind sechs Teilabkommen unterzeichnet, über den
endgültigen Friedensvertrag wird gerade in Kenia verhandelt.
Festgeschrieben ist schon, dass der schwarze Süden und der arabische
Norden sich die Einnahmen aus den Erdölfeldern in der Mitte teilen. Dass
der Süden eine eigene Regierung bekommt, eine eigene Armee und in sechs
Jahren eine Volksabstimmung, ob der Süden dann tatsachlich ein eigener
Staat wird - eine Art ,,Neuer Sudan", von dem die SPLA immer geträumt
hat.
Regieren werden bis dahin die ehemaligen Rebellenkampfer, gewählt wird
später, vielleicht. John Garang wird das Sagen haben in diesem Land.
Und deshalb reist jetzt eine Delegation aus Deutschland, Klaus
Thormahlen vorneweg, durch Ostafrika, Anfang November wollen die
Geschäftsleute wieder zu Hause sein. Dabei sind ein Top-Manager von
ThyssenKrupp, ein Finanzfachmann und der stellvertretende
Geschäftsführer des Privatsenders Radio Hamburg - der soll den
Staatsrundfunk in Gang setzen. Dabei ist der Hamburger Immobilienmogul
Dieter Becken, er soll für die Regierung bauen. Vor Ort treffen sie
Manager von Siemens, die sollen sich um Kraftwerke, Strom und
Telefonleitungen kümmern, und einen Manager des Baukonzerns Strabag,
auch Straßen werden gebraucht.
Es geht also um die Grundausstattung für einen kompletten Staat - made
in Germany.
Das alles begann mit kaputten Rohren in einem Herrenhaus bei Bad
Oldesloe. Bei Instandsetzungsarbeiten erzahlte der Klempner dem
Hausbesitzer Klaus Thormählen von einem anderen seiner Kunden: Der Mann
sei Sudanese, so etwas wie ein Politiker, aus einer berühmten Familie.
Er wohne ganz in der Nahe und interessiere sich für Eisenbahnen. Klaus
Thormahlen lud den Mann ein, auf sein Anwesen mit Reithalle und eigenem
See.
Der Mann aus dem fernen Sudan, groß gewachsen, feiner Zwirn, stellte
sich vor als Costello Garang Ring, erstgeborener Sohn des Königs der
Dinka. Die Dinka sind der mächtigste Stamm im Südsudan.
Der Königssohn sprach an diesem Sonntag von den zwei Millionen Toten des
Bürgerkriegs in seinem Land, er sprach von der Chance auf Frieden, von
Erdölfeldern, die dem Südsudan Geld bringen würden -und von einer
Eisenbahn, die der Süden von diesem Geld bauen lassen wolle. Und er
erzahlte, dass er selbst wohl bald ein einflussreicher Mann im Sudan
sein werde. Klaus Thormählen hatte sich bis dahin nicht besonders für
Afrika interessiert.
Das war vor drei Jahren.
Von jenem Sonntag an aber verfolgte Thormahlen aufmerksam alle
Nachrichten aus dem Sudan. Er las Kommentare in Zeitungen, sie machten
Hoffnung auf ein Ende des Krieges. Im August vergangenen Jahres wurde
dann Costello Garang Ring, wohnhaft in Schleswig-Holstein, als
Schattenminister für Internationale Kooperation und Entwicklung (,,also
als eine Art Außenminister") berufen. ,,Alles, wovon Costello mir
erzahlt hat, ist auch eingetreten", so Klaus Thormählen.
Da beginnt der Unternehmer, an das Projekt zu glauben. Und daran, dass
Glück ihn zum zweiten Mal an genau die richtige Stelle gespült hat. Wie
damals, als er seinen Job als kleiner Beamter bei der Bundesbahn
kündigte und sich mit einem Gleisbauunternehmen selbständig machte.
Ein paar Monate später fiel die Mauer. Eisenbahnen wurden gebaut,
Thormahlen machte ein Vermögen. Denn er hatte ein Verfahren entwickelt,
mit dem man Schienen direkt auf der Strecke verbinden kann, ,,mobiles
Abbrennstumpfschweißen" heißt es. Heute arbeiten 400 Leute für ihn,
seine Firmen bauen in Deutschland, in Spanien, in Schweden, in Taiwan.
100 Millionen Euro setzten sie voriges Jahr um.
Vielleicht hält einer, der einen so gewaltigen Sprung geschafft hat,
dann deshalb auch den nächsten, noch viel größeren für möglich.
,,Thormählen ist keiner, der sich Grenzen setzt", sagt sein engster
Geschäftspartner Jens Flachsbarth. Thormählen sagt zwar, dass ihm selbst
alles manchmal so vorkomme ,,wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht".
Aber eine Million Euro aus eigener Tasche hat er bereits in dieses
Märchen investiert.
Wird das Projekt realisiert, hofft er auf das Geschäft seines Lebens und
wohl auch auf etwas Ruhm. Die Geschäftsreise nach Afrika nennt er
,,Delegationsreise Frieden im Sudan".
Costello Garang Ring, 50, ist das Bindeglied zwischen beiden Welten und
Thormählens Türoffner. Sein Vater schickte ihn vor mehr als 20 Jahren
nach Deutschland zum Studieren, erst Tiermedizin, dann
Politikwissenschaft. Garang Ring blieb, wurde Sprecher der
Rebellenbewegung im Ausland. Auch für ihn geht es um viel: Wenn die Bahn
wirklich einmal fahren sollte, wäre sie Garang Rings Bewerbung für
höhere Posten in dem neuen Land, den des Präsidenten zum Beispiel.
,,Ihr werdet Bahnhofe haben, ihr werdet Züge haben, ihr werdet Minen
haben", verspricht Garang Ring den Menschen in Kapoeta. Er tragt einen
grauen doppelreihigen Anzug mit braunen Nadelstreifen, ein grünes
Leinenhemd, Turnschuhe und einen Ring mit einem Tigerauge. Er spricht
leise, ein anderer Mann schreit seine Botschaften heraus, weil ein
Königssohn und Minister nicht brüllt. Die Menschen jubeln und stampfen.
Dann sitzt die Delegation im dusteren Haus des Stadtverwalters. Rohe
Holzbalken stützen ein Wellblechdach mit derart vielen Einschusslochern,
dass es von unten aussieht wie der Stemenhimmel. Verwalter Adelio Kan
Kakla hat eine Rede aufgeschrieben, auf faserigem Papier, beschwert mit
einem hand geschnitzten Stock. Doch er macht es kurz, schaut Thormahlen
an und sagt: ,,Nehmen Sie, was Sie wollen von Kapoeta."
Thormahlen, strohblond, beigefarbenes Trachtensakko, strahlt und
antwortet: ,,Wir glauben, mit diesem Kalkstein, mit diesen Erzen und vor
allem mit diesen Menschen können wir Chancen nach Kapoeta bringen."
Thormahlen wirkt sanft, man könnte sich ihn als Vertrauenslehrer an der
Realschule vorstellen. Thormahlen spricht von der Infrastruktur als
Rückgrat jeder Wirtschaft, den Soldaten, die zu Gleisbauarbeitern werden
sollen, und von ihren Kindern, die vielleicht einmal Lokomotivführer
werden können.
Die Männer reisen am nächsten Morgen zurück ins klimatisierte Hotel in
Nairobi.
Andere blieben länger. Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck etwa. Er war
trotz des Bürgerkriegs immer wieder im Südsudan unterwegs. Auf
wochenlangen Fußmärschen, weil die entlegenen Winkel des Landes nicht
anders zu erreichen waren. Er erlebte, wie Antonow-Flugzeuge der
arabischen Zentralregierung Bomben auf seine Buschkliniken warfen.
Braucht der Sudan eine Eisenbahn?
,,Es wäre das Allernotwendigste überhaupt", schwärmt Neudeck und ringt
um Worte, in die er seine Begeisterung fassen kann. ,,Die Bahn würde dem
Land einen solchen Schub geben, das ist gar nicht beschreibbar."
Und doch warnt er: vor einer ,,jugoslawischen Phase", die dem Siiden
bevorstehen könne, vor der ,,hergelaufenen Soldateska", die nun zivile
Ordnung herstellen solle, und davor, dass Thormählen viel zu wenig weiß
von dem wilden Land.
Volker Riehl, groß, kräftig, rosige Wangen, arbeitet für Misereor und
hat viele Jahre lang Projekte des Deutschen Aussätzigen-Hilfswerks im
Sudan geleitet. Immer wieder war Riehl dort. Er hofft auf einen
dauerhaften Frieden, und er glaubt, dass es klappen konnte.
Aber Riehl erzahlt von einer ,,Gesellschaft auf dem Stand der mittleren
Steinzeit", von den Warlords, dem Sklavenhandel und von noch viel mehr
Gründen, warum der Sudan der Holle ähnlicher sei als jeder andere Ort
auf der Erde. Und dann sagt er, dass man in der Hölle wirklich nicht als
Erstes eine Eisenbahn brauche.
Der Verwalter in Kapoeta hatte Thormahlen, den Finanz- und Krupp-Leuten
noch einiges erzahlen können. Dass es keinen Strom gibt, natürlich
nicht, und Wasser nur manchmal, aus dem Brunnen mit Handpumpe. Und kein
Krankenhaus, keinen Arzt. Dass die Leute an Durchfall und Malaria
sterben und wahrscheinlich auch an Aids, dass das aber niemand wisse.
Aber er erzahlt auch von der Hoffnung, die so groß sei wie Jahrzehnte
nicht: ,,Mein Großvater ist im Krieg geboren, mein Vater ist im Krieg
geboren, ich bin im Krieg geboren. Mein Großvater ist im Krieg
gestorben, mein Vater ist im Krieg gestorben. Ich bin jetzt 45. Ich
mochte 90 werden und noch alter."
Thormahlen hätte auch mit dem Polizisten von Kapoeta reden können:
Francis Logale Lino, ernstes Gesicht, sitzt auf einem Plastikstuhl unter
einem Akazienbaum. Das ist sein Büro. Er freut sich über seinen Job,
auch wenn niemand ihm Gehalt zahlt. Auf der Stirn tragt er Schmucknarben
und darüber noch weitere Narbenwülste, wo gleich zwei Gewehrkugeln seine
Stirn streiften.
Der Krieg ist vorbei, aber Ruhe herrsche hier noch lange nicht, sagt er:
Banden von Viehdieben überfallen immer wieder fremde Clans, rauben
Rinder, schießen um sich und vergewaltigen die Frauen. Soll er die Täter
verfolgen, ohne Auto natürlich, also zu Fuß auf seinen blauen
Badeschlappen, die Kalaschnikow umgehängt?
Was würde es denn für ihn bedeuten, wenn die Eisenbahn käme? Ein breites
Grinsen zieht über Logale Linos Gesicht. ,,Ding, ding, ding", ahmt er
das Rattern des Zuges nach. Anders als die meisten hier weiß er also,
was das ist, ein Zug. ,,Ich konnte nach Juba fahren zu meiner Familie",
sagt er. Die hat er seit Beginn des Krieges vor 21 Jahren nicht mehr
gesehen. Aber: Was machen die Banden, wenn ein Zug kommt?
Von der Sorge erfahren die Unternehmer aus Deutschland nichts, denn sie
sitzen langst wieder im Flugzeug. Und selbst hier könnten sie viel
erfahren über den Sudan. Denn mit dabei ist auch Manasa Machar Bol, 26,
Major der SPLA und Büroleiter von Garang Ring in Nairobi. Er trägt enge
Jeans, Cowboystiefel und Sonnenbrille. Er ist sehr lässig, denn er hat
mehr erlebt als die meisten Menschen.
Mit acht Jahren wurde er im Chaos des Krieges von der Rebellenarmee
aufgelesen. Er hat Menschen erschossen, als er noch nicht groß genug
war, um sein Ge wehr über längere Strecken zu tragen. Worum es
eigentlich ging, wusste Machar Bol lange nicht: Begonnen hatte der Krieg
1983, als der arabische Norden die Scharia, das islamische Gesetz, für
das ganze Land einführte - was die meist christlichen Schwarzen nicht
wollten. Aber zu Grunde lag dem Krieg eine jahrhundertealte
Unterdrückung der Schwarzen durch die Araber, unterstutzt von den
Kolonialmächten. Der Norden fing Sklaven im Süden und nahm auch das Öl.
Das Geld ging nach Khartum.
Davon erfuhr Machar Bol im Rebellenlager. Und deshalb sagt er heute,
wenn man ihn fragt, wie viele Menschen er erschossen hat: ,,Ich bedaure,
dass sie tot sind, aber es gab einen Grund dafür."
Auch für den Frieden gibt es einen Grund. In den neunziger Jahren ist
Costello Garang Ring immer wieder von Deutschland aus nach Washington
gereist und hat gewarnt: vor Osama Bin Laden, der im Norden lange
Unterschlupf fand, vor den anderen Islamisten. Ernst genommen hat man
ihn erst nach den Terroranschlägen von New York und Washington. George
W. Bush schickte einen Sonderbevollmächtigten, und der nötigte den
Norden zu Friedensverhandlungen.
Aber ohne Frieden im Südsudan hätte es wohl auch nicht den Krieg in der
anderen Unruheregion, in Darfur, gegeben. Jedenfalls nicht so, denn die
Kämpfe entbrannten erst mit voller Gewalt, als die Darfur - Rebellen
sahen, was der Süden erreichte.
Im kenianischen Lokichokio, gleich hinter der sudanesischen Grenze,
landet Thormählens Pilot zwischen. Zweimal täglich heben hier schwere
Hercules - Maschinen der Uno Richtung Sudan ab. In den weißen
Blechbäuchen 18 Paletten mit Sacken aus weißem Plastik. Darin: gelbe
Bohnen, Mais oder Reis. Am Ziel öffnen die Piloten einfach die großen
Luken. Der Südsudan hängt am Tropf des Welternährungsprogramms. Seit
1989 füttert die Weltgemeinschaft rund die Hälfte der jetzt rund 6,5
Millionen Menschen hier. Für eine Million Dollar pro Tag.
Darf ein solches Land Milliarden Dollar für eine Eisenbahn ausgeben?
Oder ist das die falsche Frage? Muss es das?
Der Südsudan gilt als Kornkammer des Kontinents. Das Land könnte Hirse,
Ma-niok, Früchte exportieren. Eigentlich. Es fehlen aber einfachste
Gerate, die Bauern haben sich daran gewohnt, dass Mais vom Himmel fallt.
Und es gibt eben keine Möglichkeit, irgendetwas aus diesem Land
abzutransportieren.
Am Abend im Konferenzsaal des Serena Hotels in Nairobi präsentieren
Thormählen und seine Leute den Rebellenführern der SPLA, die bald
Minister sein sollen, ihre Machbarkeitsstudie der Bahnlinie. Die Männer
hantieren mit Laptop, Infrarotmaus und silberfarbenen Memory Sticks, die
sie an Bändern um den Hals tragen.
Thormählens Partner Flachsbarth zeigt Karten mit roten, grünen und
blauen Linien quer durch den Südsudan. ,,Im Sudan hat das ganze Netz
4000 Kilometer, mit Verbindungen nach Kenia und Uganda 5000 Kilometer."
Nächste Folie: ,,Für den ersten Bauabschnitt Juba-Nimule müssen
zahlreiche Brücken gebaut werden und drei Tunnel, bis zu zweieinhalb
Kilometer lang." Flachsbarth hat die Strecken mit einem Helikopter
abgeflogen.
Nächste Folie: ,,Die Nil-Brücke bei Juba ist 700 Meter lang." Und
gesteuert werden können die Züge automatisch - ,,die
Datengeschwindigkeit ist bis zu 622 Megabit pro Sekunde". Flachsbarth
präsentiert Geschwindigkeiten, Fahrpläne, Skizzen von Bahnhöfen. Die
letzte Folie ist das Preisschild: 1,6 Milliarden Euro, für den ersten
Bauabschnitt.
Einige der künftigen Minister des Südsudan grinsen. Kuol Manyang Juuk,
der Wirtschaftsminister in spe, nickt. Auch John Garang, der zukiinftige
Regierungschef, nickt, als er die Präsentation am nächsten Tag sieht.
Thormählen weiß, mit wem er es zu tun hat. Garang ließ politische Gegner
ermorden, und Kuol Manyang Juuk ist besser als ,,Schlachter von
Aquatoria" bekannt.
Jetzt gehe es aber darum, wie positiv die SPLA am Wiederaufbau arbeite,
sagt Thormählen: ,,Garang hat es geschafft, 21 Jahre lang Widerstand zu
leisten" - und ,,im Blick zeigt er nichts Böses. Ich bin nie im Krieg
gewesen. Soll ich dann ein Urteil fallen?"
Nein, die Hauptfrage ist: Kann die SPLA die Bahn bezahlen? Die Rebellen
hoffen. Demnächst findet eine Geberkonferenz statt, in Oslo. Aber wenn
die reichen Länder diese Hilfe nicht geben wollen, möchte John Garang
die Bahn iiber Kredite finanzieren, mit dem Erdöl als Sicherheit.
Das ist in Kenia, das immerhin 1,3 Milliarden für seinen Teil der
Strecke zahlen soll, schon etwas schwieriger. Die Minister dort loben
das Projekt zwar ,,als das beste seit der Schöpfung", aber Kenia hat
fast fünf Milliarden Euro Schulden. ,,Können wir nicht innovativer
sein?", fragt ein Fachmann Thormahlen, ,,O1 haben wir nicht. Aber Fisch
- vielleicht Fisch gegen die Bahn?" Jetzt lachen selbst die anderen
Kenianer. Der Mann von ThyssenKrupp schaut grimmig.
Das ist der Konflikt: Kenia will, dass Firmen eigenes Geld im Land
investieren. Thormahlen will erst mal einen Auftrag, bezahlt aus der
klammen kenianischen Staatskasse. Erst später würde er dann investieren,
indem er die Bahn betreibt. Doch von diesem Modell muss er die Regierung
erst überzeugen.
Aber dann ruft über einen Mittelsmann auf einmal der Aga Khan an, der
Jet-Setter, der millionenschwere Chef der Glaubensgruppe der Ismailiten.
,,Hello, how are you?", fragt Thormahlen in das Handy. Der Aga Khan
antwortet, dass er sich mit Thormahlen treffen wolle, möglichst bald. Um
festzustellen, ob man bei dem Eisenbahngeschäft zusammenkommen konnte.
..Kapital hat er", sagt Thormahlen, nachdem er aufgelegt hat.
Auch in Uganda läuft es nicht schlecht für Thormahlen. ,,Umsonst gibt's
nix", sagt der zuständige Minister und lacht. ,,Glücklicherweise ist der
Teil in Uganda der kleinste." Es geht um 260 Millionen Euro. Der
Minister sagt, er hoffe auf die Weltbank, wolle Entwicklungshilfegelder
lockermachen, einen Teil müsse das Land selbst bezahlen. Die Bahn soll
durch den Norden Ugandas bis zur Stadt Gulu führen. Flachsbarth zeigt
ein schönes Bild: ,,So konnte der Bahnhof in Gulu aussehen."
Die ugandischen Minister nicken, die deutschen Unternehmer nicken.
Ein paar Tage zuvor sendete die BBC einen Film über Gulu: Jeden Abend
kommen Kinder in die Stadt, manche nach stundenlangem Marsch. Es sollen
Zehntausende sein. Sie fliehen vor einer marodierenden Rebellenbewegung,
die sich ,,Widerstandsarmee des Herrn" nennt und die nachts die Kinder
aus den Dorfern verschleppt und sie zwingt, mit zu töten und zu
plündern. Die Reporter zeigten Bilder im Mondschein, Kinderleiber dicht
an dicht. Sie schlafen auf der Erde, auf der Veranda von Häusern und
einfach auf der Straße. Die Uno nennt den Konflikt ,,die weltweit größte
verdrängte menschliche Katastrophe".
Der Bahnhof, den die Ingenieure aus Bad Oldesloe für Gulu vorgesehen
haben, hat einen schicken Eingang mit Glasdach. Aber derartige Probleme
besprechen die Männer der Delegation nicht, abends an der Hotelbar, bei
Gin Tonic und Zigarren. Sie berauschen sich an den Chancen, die ihre
Eisenbahn bietet für Ostafrika. Und für sie selbst. ,,Wer die Eisenbahn
betreibt, betreibt das Land", sagt einer. ,,Da können solche Profite
erzielt werden", sagt ein: anderer. Geht nicht gibt's nicht, das ist
Thormählens Prinzip.
Costello Garang Ring, der Politiker und Königssohn mit der sanften
Stimme, hält• sich bei diesen Unterhaltungen meist zurück. Er trinkt
keinen Alkohol. Nie. Er erzahlt von den Traditionen seiner Dinka. Dass
die Könige wie sein Urgroßvater| früher lebendig begraben wurden, damit
der Geist der Herrschaft bewahrt bliebe, und dass man bis heute einen
schonen Ochsen braucht, um eine Ehefrau zu gewinnen. Als er 1982 nach
Deutschland flog,; kam er nicht einmal aus dem Frankfurter Flughafen,
weil er noch nie eine Automatiktür gesehen hatte. ,,Zeitreisender" nennt
er sich: ,,Ich sehe die Schwierigkeiten, wenn man die Probleme des 17.
Jahrhunderts mit den Lösungen aus dem 21. Jahrhundert zusammenbringt."
Aber anders gehe es auch nicht, deshalb müsse das Geld für die Bahn her.
Und sollte es mit den Krediten gegen das Öl zu lange dauern, sei da noch
die Goldmine. Ein Minenexperte, der zuständige Minister in spe, sagt:
,,Wenn es geregnet hat, gehen die Leute morgens los und kommen um zwei
zurück, mit einem Kilo Gold." ,,Sie meinen, nach einem Monat?", fragt
Thormählen ,,Nein, nein, sie gehen morgens früh los und kommen
nachmittags wieder", sagt der Minister. Die Mine bei Kapoeta tatsachlich
zu besuchen, dazu hat Thormahlen keine Zeit. Sonst hätte er sehen
können, dass die Mine ein sandiges Flussbett ist, ausgetrocknet, mit
Akazienbäumen und stacheligen Büschen. Männer graben mit bloßen Händen
und angespitzten Kardanwellen von Armeelastern. Baumstammgroße Löcher
buddeln sie so in die Erde, acht, neun Meter tief. Viele sind nackt, die
Körper verschmiert mit Sand und Schweiß. In bunten Plastikschüsseln
tragen sie den Sand nach oben. Dann waschen sie ihn - mit Wasser, das
sie zu Fuß von einer einen Kilometer weit entfernten Quelle geholt
haben. Mit beiden Armen fahren sie durch den Schlamm, bis am Rande des
Drecks dann Körnchen aufblitzen: Gold.
,,Wir wollen keine Firma hier. Wir wollen dies selbst machen, weil das
Gold diesem Stamm gehört und keinem sonst", sagt der Dorfälteste Marko
Loruma Achoro.
Wenn Thormahlen daran denkt, wie es weitergehen soll mit der Bahn, sagt
er, es müsse Stuck für Stuck gehen.
Wenn Major Machar Bol an die Zukunft seines Landes denkt, denkt er an
die vielen Manner mit Waffen im Land. Dann formuliert er präzise, wie
jemand, der über eine Sache lange nachgedacht hat.
,,Ein soldier Mann ist ein wildes Tier. Zum Frieden passt er wie ein
Tier im Zoo. Um etwas zu essen zu bekommen, wird er töten. Er wird nicht
an das glauben, was ihm jemand geben will. Sondern er wird mit Gewalt
nehmen, was er kriegen kann."
Der Weg zum ,,Neuen Sudan" ist noch ziemlich weit. Die gewaltige Strecke
von 5000 Kilometern ist für Thormahlen und seine Eisenbahn vielleicht
noch das geringste Problem. |
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